Gefangen im Paradies – was uns das Leben auf dem Katamaran über Freiheit gelehrt hat
- Barbora

- 13. Aug.
- 5 Min. Lesezeit

Wir hatten Gazipaşa verlassen.
Und obwohl wir insgeheim schon geahnt hatten, dass es für uns schwierig werden würde, Maido über mehrere Tage mit fremden Menschen zu teilen, sind wir trotzdem losgesegelt.
Diesmal hatten wir keinen festen Plan.
Wir wollten herausfinden, wo unsere Grenzen liegen.
Was fühlt sich für uns richtig an?
Was nicht?
Und vor allem wollten wir endlich eine der schönsten Ecken des Mittelmeers mit Maido erkunden.
Nach unserer ersten großen Reise wollten wir alles langsamer angehen. Weniger Strecke. Weniger Druck. Mehr Zeit.
Zeit, um das Leben auf dem Katamaran nicht nur zu erleben, sondern wirklich zu spüren.
Gemeinsam unterwegs fühlte sich plötzlich richtig an
Wir starteten mit zwei weiteren Booten.
Und zunächst fühlte sich das genau richtig an.
Auf der einen Seite gab es uns ein Gefühl von Sicherheit. Auf der anderen waren wir endlich nicht mehr allein.
Jemand half beim Befestigen der Landleinen.
Wir schauten gemeinsam auf das Wetter.
Wir aßen zusammen, spielten Karten und saßen abends noch lange zusammen.
Es tat gut, nicht immer alles alleine machen zu müssen.
Vielleicht hatten wir genau das vermisst, ohne es vorher zu wissen.
Nicht die Menschenmengen.
Sondern Gesellschaft.
Menschen, mit denen man einen Teil dieses ungewöhnlichen Lebens teilen kann.
Aber dann wurde uns etwas anderes bewusst
Wir probierten uns weiter aus und nahmen Familie und Freunde für ein paar Tage mit.
Natürlich haben wir diese Zeit genossen.
Es ist schön, Menschen, die einem nahestehen, genau die Orte zu zeigen, die für uns inzwischen zu etwas Besonderem geworden sind.
Gemeinsam in einer ruhigen Bucht aufzuwachen.

Zusammen zu essen.
Im Meer zu schwimmen.
Sich abends über den Tag auszutauschen.
Und trotzdem passierte jedes Mal etwas, das uns nachdenklich machte.
Sobald mehr Menschen an Bord waren, war die Ruhe weg.
Nicht nur die Ruhe um uns herum.
Auch die Ruhe in unserem Kopf.
Genau diese Ruhe war es aber, die wir auf dem Meer und auf Maido gefunden hatten.
Diese Momente, in denen Gedanken einfach auftauchen dürfen.
In denen aus Gedanken neue Ideen werden.
Neue Pläne.
Oder manchmal einfach gar nichts.
Und genau dieses Nichts hatten wir inzwischen schätzen gelernt.
Wir merkten deshalb immer deutlicher:
Wir möchten diese besonderen Momente gerne mit Menschen teilen.
Aber wir möchten nicht dauerhaft unser Zuhause teilen.
Das ist ein Unterschied.
Und irgendwann wurde uns klar, dass ein klassisches Mitsegelmodell für uns als Einkommensmodell wahrscheinlich nicht funktionieren würde.
Nicht, weil wir Menschen nicht mögen.
Sondern weil die Ruhe für uns inzwischen kein Luxus mehr war.
Sie war ein Teil unseres Lebens geworden.
Wir wollten einfach weiter
Mitte des Sommers entschieden wir uns trotzdem, weiter die Küste entlangzusegeln.
Ohne großen Plan.
Wir wollten die Zeit auf Maido einfach genießen, solange es ging.
Aber je weiter wir nach Norden kamen und je näher die eigentlichen Sommerferien rückten, desto voller wurde es.
Und damit auch stressiger.
Wir sind keine Menschen, die für immer völlig alleine leben möchten.
Das haben wir längst verstanden.
Wir merkten, dass wir Menschen brauchen.
Aber nicht ständig.
Wir brauchen Nähe, aber auch Rückzug.
Gesellschaft, aber genauso die Möglichkeit, irgendwann wieder die Tür zu schließen und für ein paar Stunden nur das Meer zu hören.
Und genauso brauchen wir auch Orte, an denen wir uns zurückziehen können.
Orte, an denen wir das Erlebte sortieren.
Durchatmen.
Und wieder Energie für das Neue sammeln können.
Genau diese Orte wurden im Sommer immer rarer.
Wenn eine Bucht plötzlich zum Parkplatz wird
Die Buchten, in denen unsere Freunde ankerten, gefielen uns zunächst.
Bis immer mehr Boote kamen.
Irgendwann lagen wir teilweise näher an anderen Booten als früher auf einem Campingplatz.
Man hörte jedes Geräusch.
Jede laute Musik.
Jeden Generator.
Jedes An- und Ablegen.
Und plötzlich war genau das verschwunden, wonach wir eigentlich gesucht hatten.
Die Stille.
In Bozburun begannen wir deshalb, unsere eigenen Buchten zu suchen.
Nicht die berühmtesten.
Nicht unbedingt die schönsten.
Und manchmal auch nicht die am besten geschützten.
Aber Buchten, in denen wir wieder alleine sein konnten.
Dort merkten wir, dass wir inzwischen viel schneller Dinge hinterfragten.
Was machen wir hier eigentlich?
Was wollen wir überhaupt?
Und vor allem:
Wie soll es für uns weitergehen?
Das Leben auf dem Katamaran hat uns verändert
Wir lieben das Meer.
Und das Leben auf unserem Katamaran hat uns zu Erkenntnissen gebracht, mit denen wir vorher nicht gerechnet hatten.
Ich war immer jemand, der ständig etwas machen musste.
Beschäftigung suchen.
Probleme lösen.
Weiterkommen.
Oft bis zur völligen Erschöpfung.
Mein Mann war da nicht wirklich anders.
Das Leben auf einem Katamaran zwingt dich irgendwann dazu, langsamer zu werden.
Nicht freiwillig.
Einfach weil es gar nicht anders geht.
Duschen dauert länger.
Kochen dauert länger.
Essen dauert länger.
Wäsche waschen dauert länger.
Und manchmal dauert es eben auch drei Tage, bis man weitersegeln kann, weil Wind und Welle nicht passen.
Du lernst zu warten.
Und Geduld war nicht unbedingt unsere größte Stärke.
Plötzlich bekommt sie eine völlig andere Bedeutung.
Denn auf dem Wasser kannst du vieles nicht beschleunigen.
Du kannst nicht einfach losfahren, weil du heute keine Lust mehr auf diese Bucht hast.
Du kannst nicht einfach eine schlechte Wetterlage ignorieren.
Und du kannst nicht jede Situation mit noch mehr Organisation kontrollieren.
Das Meer gibt das Tempo vor.
Und irgendwann passt du dich an.
Und dann kam die Langeweile
Das Verrückte daran:
Von außen sieht unser Leben wahrscheinlich wie ein Traum aus.
Meer.
Sonne.
Buchten.
Segeln.
Keine Termine.
Keine Hektik.
Und trotzdem wurde die Langeweile irgendwann zu unserem größten Feind.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde.
Aber genau das passierte.
Natürlich hat Langeweile auch etwas Gutes.
Man erholt sich.
Der Kopf wird leerer.
Man beobachtet die Fische im Wasser.
Man hört dem Wind zu.
Man sitzt einfach da.
Und genau das tut uns unglaublich gut.
Aber irgendwann merkten wir:
Nur Ruhe reicht uns nicht.
Gefangen im Paradies
Vielleicht war das die schwierigste Erkenntnis dieser Zeit.
Wir hatten uns jahrelang nach genau diesem Leben gesehnt.
Nach weniger Lärm.
Weniger Verpflichtungen.
Mehr Zeit.
Mehr Natur.
Mehr Freiheit.
Und jetzt hatten wir all das.
Und fühlten uns trotzdem manchmal gefangen.
Nicht im negativen Sinn.
Wir waren nicht unglücklich.
Ganz im Gegenteil.
Wir wussten, wie privilegiert wir sind.
Aber dieses Leben stellte uns plötzlich eine andere Frage:
Was macht man mit all der gewonnenen Zeit?
Denn wenn der Druck verschwindet, bleibt plötzlich Raum.
Und in diesem Raum tauchen Fragen auf, für die im alten Leben oft gar keine Zeit war.
Was wollen wir wirklich?
Was brauchen wir?
Was macht uns glücklich?
Und welches Leben wollen wir eigentlich führen, wenn wir nicht mehr ständig damit beschäftigt sind, einfach nur zu funktionieren?
Darauf hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Antwort.
Wir wussten nur, dass wir weder zurück in unser altes Leben wollten noch unser neues Leben einfach so weiterführen konnten.
Vielleicht mussten wir deshalb nicht herausfinden, ob das Leben auf Maido das richtige für uns ist.
Sondern wie wir es so gestalten können, dass es wirklich zu uns passt.



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