Die Bucht, die fast ein Paradies war
- Barbora

- 27. Aug.
- 4 Min. Lesezeit

Wir ankern gerade in einer kleinen Bucht namens Büyükaga Koyu, kurz vor Fethiye.
Wenig Wellengang.
Ein paar leichte Windböen.
Keine Dinghys, die kreuz und quer fahren.
Keine Jetskis.
Keine Bananenboote.
Nur das Wasser, die Berge und Maido.
Fast ein Paradies.
Wären da nicht die Gulets.
Wenn die Gulets kommen
Wir treffen sie mittlerweile fast überall.
Große Holzschiffe, voll mit Urlaubern, die für ein paar Stunden eine Bucht erkunden.
Sie kommen meistens am späten Vormittag.
Ankern hart und laut.
Lange Ketten werden ausgebracht und manchmal quetschen sich mehrere Boote in eine Ecke, in der wir vorher noch viel Platz hatten.
Dann springen die Gäste ins Wasser.
Manche schwimmen neugierig bis zu Maido.
Es wird gelacht, gerufen und fotografiert.
Abends wird auf den Gulets gegrillt.
Und wenn der Wind falsch steht, zieht der Rauch direkt zu uns.
Musik läuft.
Menschen unterhalten sich.
Und irgendwann, wenn es eigentlich längst ruhig werden könnte, startet der Generator.
Die ganze Nacht.
Am nächsten Morgen sind die Gulets wieder verschwunden.
Und die Bucht ist plötzlich wieder das, was sie vorher war.
Still.
Ich weiß, dass sie Urlaub haben
Natürlich verstehe ich, warum sie das machen.
Sie haben Urlaub.
Sie haben vielleicht nur wenige Tage in der Türkei und möchten möglichst viel erleben.
Sie haben für genau diese Reise bezahlt und wollen ihre Zeit genießen.
Daran ist eigentlich nichts falsch.
Nur bedeutet dieses Leben für mich inzwischen etwas anderes.
Ich möchte nah an der Natur sein.
Ich möchte mich nach dem Wetter richten und nicht dagegen.
Ich möchte dem Wasser zuhören.
Dem leisen Knarzen von Maido.
Den Zikaden am Ufer.
Den Fischen, die morgens um das Boot schwimmen.
Und manchmal einfach gar nichts hören.
Wenn ich Party möchte, gehe ich in die Stadt.
Dort gehört sie für mich irgendwie hin.
Auf dem Wasser suche ich etwas anderes.
Vielleicht hat mich das Leben auf dem Katamaran so gemacht.
Vielleicht war ich aber auch schon immer so.
Früher habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht.
Heute merke ich viel schneller, wenn mir etwas zu laut, zu voll oder einfach zu viel wird.
Und manchmal frage ich mich, ob das wirklich eine Veränderung ist.
Oder ob ich einfach zum ersten Mal genug Ruhe habe, um es überhaupt zu bemerken.
Ich habe eigentlich immer versucht, andere Menschen nicht zu stören.
Nicht laut zu sein.
Rücksicht zu nehmen, auch wenn ich die Menschen gar nicht kenne.
Manchmal frage ich mich deshalb, ob diese Art von Rücksicht inzwischen einfach aus der Zeit gefallen ist.
Zwei Stunden, in denen niemand geholfen hat
Heute haben wir etwas beobachtet, das mich noch mehr beschäftigt hat.
Ein Segelboot warf seinen Anker.
Leider genau über die Ankerkette eines anderen Bootes.
Als der Anker später wieder hoch sollte, hatte er sich verhakt.
Nichts ging mehr.
Wir haben es von Maido aus beobachtet.
Selbst konnten wir in diesem Moment nicht viel tun.
Also warteten wir.
Eine Stunde.
Noch eine.
Fast zwei Stunden dauerte es, bis das andere Boot schließlich seine eigene Kette einholte und sich das Segelboot befreien konnte.
Zwei Stunden.
Vielleicht komme ich aus einer anderen Schule.
Wenn ich sehe, dass jemand seinen Anker genau in Richtung meiner Kette werfen möchte, sage ich vorher etwas.
Und wenn trotzdem etwas passiert, würde ich zumindest versuchen zu helfen.
Nicht weil man muss.
Sondern weil man sieht, dass jemand gerade ein Problem hat.
Ich weiß nicht, ob mit mir etwas nicht stimmt.
Oder ob wir einfach immer weniger wahrnehmen, was um uns herum passiert.
Denk ich nur so?
Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer öfter.
Wir wollten eigentlich genau davor fliehen

Vielleicht beschäftigt mich das alles auch deshalb so sehr, weil wir uns für dieses Leben entschieden haben, um genau solchen Situationen ein Stück weit zu entkommen.
Schon während unserer Camper-Zeit kannten wir volle Stellplätze.
Menschen, die spät abends noch laut waren.
Türen, die zugeschlagen wurden.
Motoren, die morgens direkt neben unserem Camper gestartet wurden.
Und dieses Gefühl, dass man eigentlich nur seine Ruhe haben möchte.
Als wir Maido gekauft haben, dachten wir, auf dem Wasser wäre das anders.
Und manchmal ist es das auch.
Es gibt diese unglaublichen Momente.
Eine leere Bucht.
Kein anderes Boot weit und breit.
Das Wasser ist ruhig.
Die Sonne geht langsam unter.
Und plötzlich weißt du wieder ganz genau, warum du dieses Leben gewählt hast.
Aber solche Orte werden schwieriger zu finden.
Vor allem im Sommer.
Irgendwann haben wir angefangen, anders zu suchen
Früher suchten wir nach den schönsten Buchten.
Nach Orten, die in Reiseführern standen.
Nach den berühmten Plätzen, die man gesehen haben musste.
Heute suchen wir oft nach etwas ganz anderem.
Nicht nach der bekanntesten Bucht.
Nicht nach dem schönsten Restaurant.
Nicht nach dem perfekten Instagram-Motiv.
Wir suchen nach Ruhe.
Vielleicht gibt es dort keine berühmte Sehenswürdigkeit.
Keinen Steg.
Kein Restaurant.
Keinen perfekten Sandstrand.
Aber wenn wir morgens aufwachen und außer den Zikaden nichts hören, fühlt sich dieser Ort für uns plötzlich wertvoll an.
Vielleicht ist das auch etwas, das sich durch das Leben auf dem Katamaran verändert hat.
Wir brauchen immer weniger von dem, was früher wichtig erschien.
Und gleichzeitig wird etwas anderes immer wichtiger.
Ruhe.
Und genau das macht mir gerade Gedanken
Bald lassen wir Maido für den Winter in Gazipaşa zurück.
Dann geht es wieder ins Wohnmobil.
Zurück an Land.
Zurück in ein Leben, das wir eigentlich schon lange kennen.
Und damit vielleicht auch zurück zu genau den Dingen, vor denen wir irgendwann weggefahren sind.
Volle Stellplätze.
Straßen.
Menschen.
Lärm.
Warten an der Kasse.
Verkehr.
All diese kleinen Geräusche, die man an Land irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt.
Ich weiß noch nicht, wie sich das anfühlen wird.
Vielleicht mache ich mir gerade auch viel zu viele Gedanken.
Vielleicht werde ich nach ein paar Tagen wieder feststellen, dass auch das Leben an Land seine schönen Seiten hat.
Aber ehrlich gesagt kostet mich allein der Gedanke daran schon jetzt ein paar Nächte Schlaf.
Denn inzwischen weiß ich, wie sich echte Ruhe anfühlt.
Und wenn man einmal weiß, wie sich etwas anfühlt, das einem wirklich guttut, wird es schwer, so zu tun, als wäre es einem egal.
Vielleicht war diese kleine Bucht deshalb gar kein fastes Paradies.
Vielleicht war sie einfach nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, wonach wir eigentlich suchen.
Nicht nach einem perfekten Ort.
Sondern nach einem Ort, an dem wir wieder ganz bei uns sein können.
Wenn dich diese Gedanken berühren, bleib gerne hier.



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