top of page

4.000 Seemeilen und 5,5 Monate auf See später – was uns unsere Reise von Holland in die Türkei wirklich gelehrt hat

  • Autorenbild: Barbora
    Barbora
  • 9. Juli
  • 6 Min. Lesezeit
barbora und hayri

Ankommen nach 5,5 Monaten auf See


Als wir in Gazipaşa festgemacht haben, lagen ungefähr fünfeinhalb Monate hinter uns.


5,5 Monate unterwegs.

Über 4.000 Seemeilen mit unserer Maido.

Von den Niederlanden bis in die Türkei.


In diesem Moment konnten wir das alles noch gar nicht richtig begreifen.

Die vergangenen Monate fühlten sich gleichzeitig unglaublich lang und viel zu kurz an.

Zu viele Eindrücke, zu viele Erfahrungen und zu viele Momente,

die wir erst viel später richtig verarbeiten konnten.


Als wir das Boot verließen, begrüßte uns sofort die berühmte Landkrankheit.

Alles schwankte.

Der Boden bewegte sich unter den Füßen, obwohl natürlich nichts in Bewegung war.


Im Gegensatz zur Seekrankheit fanden wir dieses Gefühl eher amüsant.

Nach Monaten auf dem Wasser musste sich unser Körper erst wieder daran gewöhnen,

dass sich die Welt nicht mehr bewegt.




Die Türkei war plötzlich eine neue Welt


Eigentlich kennen wir die Türkei schon seit vielen Jahren.

Mit unserem Camper waren wir immer wieder hier unterwegs, haben unzählige Orte entdeckt und dachten eigentlich, das Land gut zu kennen.


Doch als wir Maido verließen und durch die Straßen gingen,

fühlte sich alles plötzlich neu an.


Fast so, als würden wir ein fremdes Land zum ersten Mal betreten.


Vielleicht lag es daran, dass wir so lange auf uns allein gestellt waren.

Vielleicht daran, dass wir die Welt monatelang vom Wasser aus betrachtet hatten.

Oder vielleicht verändert eine solche Reise einfach die Perspektive.


Jedenfalls fühlte sich alles anders an.




Warum sind wir überhaupt losgefahren?


Unterwegs habe ich mir diese Frage oft gestellt.

Vor allem in den schwierigen Momenten.


Wenn wir überfordert waren.

Wenn wir an unseren Entscheidungen gezweifelt haben.

Wenn wieder etwas kaputtging oder wir uns fragten, warum wir uns das eigentlich antun.


Was hat uns überhaupt dazu gebracht?


Vielleicht klingt das wie eine Floskel.


Aber wir waren beide nie Menschen, die ihr Glück in materiellen Dingen gesucht haben.

Ein Haus bauen.

Karriere machen.

Das klassische Leben führen.


All das hat uns nie wirklich begeistert.


Schon früh hatte ich das Gefühl, dass mich das „normale Leben“ nicht erfüllt.

Ich war nicht ausgegrenzt.

Aber ich hatte oft das Gefühl, nicht ganz hineinzupassen.


Vielleicht haben wir deshalb so oft den Wohnort gewechselt.

Vielleicht haben wir deshalb immer wieder neu angefangen.

Und vielleicht begann genau deshalb auch unsere Liebe zum Reisen.


Mit dem Camper waren wir bereits über 25 Jahren unterwegs.

Wäre das Boot nicht irgendwann in unser Leben gekommen,

wären wir wahrscheinlich heute noch mit dem Camper unterwegs.


Wie wir überhaupt auf die Idee kamen, ein Boot zu kaufen, haben wir in diesem Artikel erzählt.



Wir waren nie auf der Suche nach Abenteuern


Viele Menschen glauben, dass Reisen vor allem aus spektakulären Erlebnissen besteht.


Bei uns war das nie so.


Natürlich haben wir berühmte Sehenswürdigkeiten besucht.

Museen.

Historische Orte.

Landschaften.


Doch wenn ich heute an all diese Reisen zurückdenke, erinnere ich mich kaum an die bekannten Attraktionen.


Ich erinnere mich an Sonnenuntergänge.

An endlose Strände.

An die Stille auf einem Berg.

An den Duft von Pinienwäldern.

An das Knacken eines Lagerfeuers.

An Momente der Ruhe.


Vielleicht haben wir schon damals unbewusst nach etwas gesucht, das wir erst viele Jahre später wirklich verstanden haben.


Nicht nach Abenteuer.

Sondern nach Frieden.




Was das Meer mit uns gemacht hat


Zum Boot sind wir eigentlich eher zufällig gekommen.

Das soll nicht belehrend klingen, aber nach dieser Reise glaube ich fest daran,

dass manche Dinge aus einem bestimmten Grund passieren.

Natürlich treffen wir unsere Entscheidungen selbst.

Aber manche Wege scheinen sich einfach zu ergeben.


Diese Reise war meine bisher größte Grenzerfahrung.


Körperlich.

Mental.

Emotional.

Und auch für unsere Beziehung.


Als absolute Segelanfänger hatten wir keine Ahnung, was uns wirklich erwartet.


Am Anfang erschien uns das Bootsleben einfach wie eine Fortsetzung unseres Camperlebens.

Minimalistisch zu leben waren wir bereits gewohnt.


Doch das Meer hatte andere Pläne.

Es hat uns verändert.

Mehr, als wir jemals erwartet hätten.


Wir sind ruhiger geworden.

Geduldiger.

Gelassener.


Früher wollte ich alles kontrollieren.

Ich plante jedes Detail.

Jede Abweichung machte mich nervös.

Probleme mussten sofort gelöst werden.


Vielleicht kommt das daher, dass wir beide nicht aus wohlhabenden Familien stammen und uns alles selbst erarbeiten mussten.


Man entwickelt eine gewisse innere Unruhe.

Man funktioniert.

Man macht weiter.

Und merkt oft gar nicht, wie erschöpft man eigentlich ist.


Heute genieße ich Dinge, die früher kaum Aufmerksamkeit bekommen haben.

Den ersten Kaffee am Morgen.

Das Erwachen eines Hafens.

Das leise Plätschern des Wassers am Rumpf.

Fische, die unter dem Boot entlangziehen.


Die Stille.

Vor allem die Stille.


Vielleicht ist das Leben auf dem Boot genau das, was meine Seele gebraucht hat.


Wie überfordert wir am Anfang wirklich waren, kannst du hier nachlesen.




Zurück an Land wurde uns etwas klar


Bucht mit Segelbooten - ankommen

Besonders deutlich wurde uns das, als wir Maido im Winterhafen zurückließen

und nach Deutschland fuhren, um unseren Camper abzuholen.


Plötzlich war alles wieder da.


Der Verkehr überall.

Die Geräusche am Bahnhof.

Die Hektik der Stadt.

Die Menschenmengen.

Die Gerüche.

Die permanente Bewegung.


Was früher normal war, überforderte mich plötzlich.

Ich fühlte mich nach kurzer Zeit ausgelaugt.


Ich wollte zurück.

Zurück aufs Boot.

Zurück aufs Wasser.


Es dauerte Wochen, bis ich mich wieder daran gewöhnt hatte.

Und trotzdem verschwand dieses Gefühl nie ganz.


Diese innere Ruhe, die ich auf dem Wasser gefunden hatte, konnte mir an Land niemand zurückgeben.




Atlantik und Mittelmeer – zwei verschiedene Welten


Eigentlich wollten wir Maido nur in die Türkei bringen.

Wir hatten nicht erwartet, dabei so viele Erfahrungen über die Seglerwelt zu sammeln.

Besonders deutlich wurde für uns der Unterschied zwischen Atlantik und Mittelmeer.


Auf der Atlantikseite herrscht ein besonderer Zusammenhalt.

Vielleicht weil die Bedingungen rauer sind.

Vielleicht weil dort weniger Charterboote unterwegs sind.

Vielleicht weil Seemannschaft dort noch stärker gelebt wird.

Jedenfalls haben wir dort die meisten Bekanntschaften geschlossen.

Mit vielen Menschen stehen wir bis heute in Kontakt.


Die Bretagne.

Galizien.

Diese Regionen haben uns tief beeindruckt.

Nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen der Menschen.

Die Bretagne gehört bis heute zu unseren beeindruckendsten Segelrevieren.


Im Mittelmeer empfanden wir vieles etwas distanzierter.

Vielleicht wegen der vielen Boote.

Vielleicht wegen der überfüllten Orte.

Vielleicht auch, weil wir andere Erwartungen hatten.


Trotzdem haben wir dort unzählige wunderschöne Momente erlebt.

Besonders Sizilien und Kalabrien haben uns überrascht.

Wenig Tourismus.

Viel Natur.

Offene Menschen.

Einfaches Leben.

Genau die Dinge, die wir eigentlich suchen.


Warum Astypalea für uns eine der schönsten griechischen Inseln war.




Was diese Reise mit unserer Beziehung gemacht hat


Nach 25 Jahren gemeinsamem Leben hätte ich nie gedacht, dass uns eine Reise noch einmal so verändern kann.

Doch genau das ist passiert.


Unsere Beziehung hat auf dieser Reise wahrscheinlich die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen erlebt.


Wir haben zusammen gezweifelt.

Zusammen geflucht.

Zusammen gefeiert.

Zusammen gelernt.


Heute vertrauen wir nicht nur unserer Maido.

Wir vertrauen auch einander mehr denn je.

Und das ist ein unglaublich schönes Gefühl.

Jemanden an seiner Seite zu haben, der oft schon versteht, was man denkt, bevor man es ausspricht.


Viele Erlebnisse dieser Reise lassen sich kaum erklären.

Wenn wir Freunden oder Bekannten davon erzählen, muss ich oft schmunzeln.

Weil ich weiß, was wir in diesen Momenten wirklich gefühlt haben.

Und weil manche Erfahrungen einfach zwischen zwei Menschen bleiben.




Wonach wir heute wirklich suchen


Vor Kurzem bin ich auf einen Gedanken gestoßen, der vieles von dem zusammenfasst, was wir auf dieser Reise gelernt haben:

Die meiste Zeit suchen wir nach Ankommen. Dabei brauchen wir oft nur Ruhe. Ruhe vor den Gedanken. Ruhe vor dem Druck. Ruhe vor dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Manchmal heilt nicht die Lösung. Sondern die Pause.

Diese Worte stammen von „leiseimkopf“.


Und selten hat etwas unsere Reise besser beschrieben.

Denn genau darum ging es am Ende.


Nicht um 4.000 Seemeilen.

Nicht um Länder.

Nicht um Ankerplätze.

Nicht um Abenteuer.


Sondern um etwas viel Einfacheres.


Ruhe.

Freiheit.

Verbundenheit.

Zeit.


Zeit für sich selbst.

Zeit füreinander.

Zeit für das Wesentliche.




Unsere Reise geht weiter


Nach langer Überlegung haben wir beschlossen, den nächsten Sommer in der Türkei zu verbringen.

Nicht, weil wir uns inzwischen für Profis halten.

Ganz im Gegenteil.

Den Respekt vor dem Meer werden wir wahrscheinlich nie verlieren.

Aber wir kennen unsere Maido inzwischen in- und auswendig.


Wir vertrauen unserem Boot.

Und wir vertrauen uns selbst.


Eine Sache ist uns auf dieser Reise vollkommen klar geworden:

Das Leben auf dem Boot macht uns glücklich.


Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir dieses Leben langfristig gestalten können.

Denn das Gefühl, das wir schon aus unseren Camperzeiten kannten, ist geblieben:

Wir sind nicht auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

Wir sind auf der Suche nach innerem Frieden.

Und nach Menschen, die ähnlich fühlen.


Menschen, die sich nach Ruhe sehnen.

Nach Einfachheit.

Nach echten Begegnungen.


Wer uns auf diesem Weg begleiten möchte, ist herzlich willkommen.


Ganz egal, ob gedanklich hier im Blog

oder irgendwann persönlich an Bord unserer Maido.




Während dieser Reise wurde uns noch etwas klar: Die schönsten Momente möchten wir nicht nur für uns behalten. Genau deshalb haben wir beschlossen, künftig auch andere Menschen an Bord willkommen zu heißen. Wenn du das Leben auf einem Katamaran selbst erleben möchtest, findest du alle Informationen auf unserer Mitsegel-Seite.


Kommentare


bottom of page