Zwischen Seitenwind, schwarzen Wolken und einem Moment, der alles drehte
- Barbora

- 29. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Segeln durch Kalabrien 🌊⛵
Eigentlich hatten wir uns Africo Nuovo als Punkt gesetzt.
Von dort wollten wir Richtung Griechenland springen – möglichst kurz, möglichst effizient.
Aber die letzte Nachtfahrt zwischen Sardinien und Sizilien steckte uns noch tief in den Knochen.
Diese Mischung aus Müdigkeit, Adrenalin und diesem inneren Bitte nicht nochmal so.
Und wir hatten uns geschworen:
Nachts fahren wir nur noch, wenn es wirklich sein muss.
Also änderten wir den Plan.
Nicht spektakulär.
Nicht mutig.
Sondern vernünftig.
Wir segelten langsam durch Kalabrien weiter nach Norden – Etappe für Etappe – mit dem Ziel Santa Maria di Leuca.
Von dort aus dann die kürzeste Strecke nach Griechenland.
So zumindest die Theorie.
Die Praxis hatte andere Pläne.
Kleine Schritte – und ein Himmel, der nichts Gutes versprach
Wir starteten früh, wie immer.
Die erste Nacht verbrachten wir vor der Küste bei Roccella Ionica.
Etwas Schwell.
Genug, um präsent zu bleiben.
Nicht genug, um Angst zu haben.
Am nächsten Tag bewegten wir uns gerade einmal fünf Seemeilen weiter.
Nicht aus Bequemlichkeit – sondern wegen des Himmels.

Schwarze Wolken sammelten sich über dem Land.
Und schwarze Wolken bedeuten hier selten Dramatik fürs Foto.
Sondern Wind.
Und zwar richtig.
Also warteten wir.
Noch eine Nacht.
Dann kam der Moment, den man nicht aufschiebt, sondern bewusst wählt:
45 Seemeilen über den Golf di Squillace.
Keine besonders lange Strecke.
Aber eine offene.
Weit weg vom Land.
Und damit psychologisch eine andere Hausnummer.
Seitenwind – und keine Ausreden mehr
Vor uns fuhr ein Katamaran dieselbe Route.
Ein kleines Gefühl von Gesellschaft in viel Blau.
Wir hatten Seitenwind.
Nicht unsere Lieblingsdisziplin.
Aber nach tagelangem Beobachten war klar:
Wenn wir weiter wollten, dann so.
Also los.
Wir fuhren bewusst etwas tiefer in die Bucht hinein, um den Winkel für die Mitte besser zu schneiden.
Alles fühlte sich kontrolliert an.
Machbar.
Bis etwa zur Hälfte der Strecke.
Dann änderte sich der Ton.
Der Wind nahm zu.
Das Wellenreiten bekam plötzlich eine neue Bedeutung.
Die Wellen schlugen seitlich ein, so hart, dass wir jedes Mal klatschnass waren, sobald MAIDO auch nur minimal querkam.
Wir schalteten beide Motoren dazu, um mehr Kontrolle zu gewinnen.
Der linke Motor hing trotzdem immer wieder in der Luft.
Freischlagen.
Eintauchen.
Freischlagen.
So wild hatten wir Seitenwind noch nie erlebt.
Der Windmesser kletterte:25…28…30 Knoten.
Zwei Punkte auf dem Plotter
Der Katamaran vor uns änderte plötzlich den Kurs.
Er fuhr nicht mehr direkt in die Bucht –
sondern weiter um das Kap herum.
Und dann passierte etwas, das mir heute noch Gänsehaut macht.
Auf dem Plotter tauchten unerwartet zwei Punkte auf.
Aus dem Nichts.
Keine Schiffe in Sicht.
Kein klares Radarbild.
Nichts, was Sinn ergab.
Diese Punkte bewegten sich auf uns zu.
Und zwangen uns, den Kurs immer weiter Richtung Kap zu legen – weg von der geschützten Bucht.
Der Wind peitschte.
Die Wellen wurden höher.
Und mir war klar:
So schaffen wir das nicht.
Ich begann hektisch nach Alternativen zu suchen.
Der Moment, in dem alles kippte

Der Katamaran vor uns war fast um das Kap herum als er plötzlich langsamer wurde.
3 bis 3,5 Knoten.
Was ist hier los?
Die beiden Punkte kamen immer näher.
Wir waren praktisch auf Kollisionskurs.
Und dann –
ohne Vorwarnung –
drehte der Wind.
Von 30 Knoten Seitenwind
auf 30 Knoten direkt auf die Nase.
Ich sah, wie sich die Wellen auf dem Kamm rückwärts drehten.
Als würde jemand das Meer umklappen.
Innerhalb von Minuten brach die alte Welle zusammen und die 2 Punkte lösten sich wie von nichts auf.
Bevor sich von der anderen Seite eine neue aufbauen konnte, änderten wir den Kurs.
Direkt in die Bucht.
Geschützt – und leer
Plötzlich war alles ruhig.
Kein Stampfen.
Kein Rollen.
Kein Pfeifen des Windes.
Als hätten wir eine unsichtbare Grenze überschritten.
Wir stellten keine Fragen mehr.
Wir hatten keine Energie dafür und fielen sofort ins Bett. Wie nach einem langen Lauf, bei dem der Körper irgendwann einfach abschaltet.
Am Morgen: weiter, obwohl wir noch müde waren
Am nächsten Morgen die Realität:
Unser Wassertank war fast leer.
Also hieß es: weiter.
Der Wind war noch da – aber gezähmt.
Kaum hatten wir Capo Rizzuto passiert, änderte sich das Spiel wieder.
Der Wind nahm zu.
Die Wellen bauten sich auf.
Nicht überraschend.
Aber unerbittlich.
Unser Ziel war Hafen von Crotone.
Doch irgendwann war klar:
Das schaffen wir heute definitiv nicht.
Eine zweite Chance – und ein vertrautes Boot

Kurz vor Capo Crotonna entdeckten wir eine kleine, geschützte Bucht.
Mit Bojen.
Und dort lag er wieder.
Der Katamaran vom Vortag.
Allein dieser Anblick nahm sofort Druck raus.
Dieses stille Einverständnis unter Seglern:
Du auch hier? Dann war es richtig.
25 Knoten. Eine Boje. Ein Moment von Ruhe.
Wir fingen die Boje bei 25 Knoten Wind – ruhig, konzentriert, beim ersten Versuch.
Fast professionell.
So, als hätten wir das schon immer gemacht.
Die Bucht war leer.
Nur wir und der Katamaran vom Vortag.
Kaum war MAIDO fest, merkten wir es.
Etwas veränderte sich.
Der Himmel zog zu.
Langsam zuerst.
Dann immer dichter.
Die Wolken wurden schwarz, schwer, dunkel und schoben sich vom Festland auf uns zu.
Wir saßen im Cockpit und schauten schweigend nach oben.
Dieses Gefühl, wenn man weiß:
Das hier ist noch nicht vorbei.
Und irgendwo tief in uns war klar:
Der nächste Abschnitt dieser Reise würde uns wieder fordern.
Mehr, als uns lieb war.

Der nächste Abschnitt unserer Reise sollte uns noch einmal zeigen, wie wenig planbar das Meer ist.
Danke fürs Lesen.
Wenn du mehr vom Wasser willst – nicht als Post, sondern als Brief: hier entlang.
Nach der intensiven Überfahrt von Sardinien nach Sizilien fühlte sich diese Etappe wie die nächste Prüfung an.
Nach dem, was wir bereits im Atlantik erlebt hatten, wussten wir: Respekt ist wichtiger als Tempo.



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