Als die Reise vorbei war – und wir merkten, dass sich etwas verändert hatte
- Barbora

- vor 1 Tag
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Den Winter hatten wir uns eigentlich ganz anders vorgestellt.
Als wir Maido in Gazipaşa aus dem Wasser holen ließen, glaubten wir, der schwierigste Teil unserer Reise läge hinter uns.
Schließlich hatten wir es geschafft: 4.000 Seemeilen von Holland bis in die Türkei. Wir waren angekommen.
Heute weiß ich, dass genau dort eine ganz andere Reise begann.
Eine Reise, die weniger mit Segeln zu tun hatte und viel mehr mit uns selbst.
Mit Fragen, auf die wir unterwegs keine Zeit hatten Antworten zu finden.
Mit Veränderungen, die wir erst bemerkten, als plötzlich alles stillstand.
Maido an Land – und plötzlich war alles anders
Mit dem Hafen in Gazipaşa hatten wir bereits im Vorfeld abgesprochen, dass wir die Arbeiten an unserem Katamaran selbst durchführen und währenddessen im Camper wohnen würden.
Der Plan klang einfach.
Als Maido schließlich an Land stand, wurde schnell klar, dass uns einiges bevorstand.
Die 4.000 Seemeilen hatten ihre Spuren hinterlassen.
Das Antifouling war an vielen Stellen fast komplett verschwunden.
Andere Bereiche waren ungleichmäßig abgefahren.
Eigentlich genau das, was wir bereits vermutet hatten.
Also begannen wir, alles gründlich zu inspizieren.
Wir schrieben Listen.
Was muss gemacht werden?
Was sollte gemacht werden?
Und was wünschen wir uns zusätzlich?
Doch während wir vor unserem Boot standen, fühlte sich alles irgendwie unwirklich an.
Plötzlich hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen.
Wir begegneten täglich denselben Menschen.
Wir mussten nicht mehr ständig Wettermodelle vergleichen.
Keine Ankerplätze suchen.
Keine Wetterfenster planen.
Kein Blick mehr auf die Windkarte vor dem Einschlafen.
Wenn ich heute an diese ersten Wochen zurückdenke, fühlt es sich an wie ein Traum, aus dem ich jeden Morgen versuchte aufzuwachen.
Zurück nach Deutschland – aber irgendwie nicht wirklich
Der Plan war klar:
Zurück nach Deutschland.
Den Camper holen.
Freunde besuchen.
Kräfte sammeln.
Dann zurück in die Türkei und die Winterarbeiten angehen.
Doch schon auf dem Rückflug merkten wir, dass etwas anders war.
Der Lärm.
Die Menschen.
Die Hektik.
Alles fühlte sich plötzlich viel intensiver an als früher.
Als wir unseren Camper aus der Garage holten, verschwanden wir deshalb erst einmal für einige Tage in der Natur.

Dort fanden wir den Camper genau so vor, wie wir ihn verlassen hatten.
Der vertraute Geruch.
Die gewohnten Handgriffe.
Der Kopf, den ich immer automatisch einziehen muss, wenn ich nach vorne ins Cockpit krabble.
Alles war sofort wieder da.
Als wären wir nur kurz einkaufen gewesen.
Nicht monatelang unterwegs.
Es war ein schönes Gefühl.
Und gleichzeitig ein seltsames.
Als wäre unsere Reise schon unglaublich weit weg und gleichzeitig erst gestern gewesen.
Warum fühlt sich Zuhause plötzlich fremd an?
Es dauerte einige Wochen, bis wir alles organisiert hatten, Freunde besucht und etwas Abstand gewonnen hatten.
Deutschland fühlte sich für uns immer sicher an.
Schließlich haben wir dort den größten Teil unseres Lebens verbracht.
Doch diesmal war es anders.
Es fühlte sich nicht an wie die Rückkehr aus einem Urlaub.
Vielleicht lag es am Wetter.
Vielleicht an den vergangenen Monaten.
Vielleicht an uns.
Jedes Mal, wenn ich von Sonne und Meer zurück in graue Regentage komme, werde ich nachdenklich. Doch diesmal ging es tiefer.
Ich merkte, dass mich etwas beschäftigte, das ich lange nicht richtig benennen konnte.
Ich mag Deutschland.
Es ist meine zweite Heimat.
Ich hatte dort wunderschöne Jahre.
Aber angekommen fühlte ich mich dort nie wirklich.
Das klingt vielleicht seltsam.
Doch dieses Gefühl von Freiheit, von Leichtigkeit und innerer Ruhe habe ich fast ausschließlich auf Reisen erlebt.
Früher waren es wenige Wochen im Jahr.
Jetzt hatten wir über Monate so gelebt.
Und plötzlich wurde mir klar, wie sehr mir dieses Gefühl eigentlich fehlte.
Die Rückkehr nach Maido
Zu Weihnachten besuchten wir meine Familie in der Slowakei.
Silvester feierten wir bereits in der Türkei mit engen Freunden.
Auf der gesamten Reise dorthin tauchte immer wieder dieselbe Frage auf:
War das wirklich die richtige Entscheidung?
Das Leben auf einem Katamaran?
Immer wieder stellten wir uns diese Frage.
Und erstaunlicherweise traf sie uns meistens gleichzeitig.
Was machen wir hier eigentlich?
Wir waren als völlige Anfänger von Holland bis in die Türkei gesegelt.
Eigentlich hätten wir stolz sein müssen.
Und das waren wir auch.
Trotzdem hatte die Reise etwas mit uns gemacht.
Wir waren ruhiger geworden.
Gelassener.
Aber gleichzeitig weniger bereit, Kompromisse einzugehen.
Und das kannte ich so von mir nicht.
Der härteste Winter seit Jahrzehnten
Als wir schließlich wieder bei Maido ankamen, war bereits Februar.
Und der Winter zeigte sich von seiner härtesten Seite.
Es regnete tagelang.
Starke Böen rüttelten an Maido und gleichzeitig an unserem Camper unter dem Boot.
Es hagelte.
Teilweise standen große Wasserflächen auf dem Hafengelände.
Man erzählte uns, es sei einer der heftigsten Winter seit Jahrzehnten.
Überall hörte man von Überschwemmungen.
Natürlich machte das die Arbeiten nicht einfacher.
Eigentlich hatten wir uns diese Monate völlig anders vorgestellt.
Doch das Meer hatte uns bereits etwas Wichtiges beigebracht:
Gegen die Natur gewinnt man nicht.
Also blieben wir ruhig.
So gut es eben ging.
Drei Monate Arbeit und mehr Zweifel als erwartet
Am Ende arbeiteten wir fast drei Monate an Maido.
Wir wollten möglichst alles selbst machen.
Verbessern.
Erneuern.
Reparieren.
Lernen.
Allein das neue Antifouling kostete uns fast vier Wochen Arbeit.
Vier Wochen schleifen, vorbereiten, streichen.
Wenn mir vorher jemand erzählt hätte, wie anstrengend diese Arbeit werden würde, hätte ich es wahrscheinlich nicht geglaubt.
An manchen Tagen waren wir so frustriert, dass wir das Boot am liebsten verkauft hätten.
Nicht, weil wir aufgeben wollten.
Sondern weil wir einfach erschöpft waren.
Körperlich.
Mental.
Emotional.

Doch genau in diesen Momenten passierte etwas, womit wir nicht gerechnet hatten.
Die Menschen im Hafen fingen uns immer wieder auf.
Mit Gesprächen.
Mit Hilfe.
Mit Humor.
Mit einem Tee.
Mit einem ehrlichen „Wie geht es euch?“.
Und je länger wir dort waren, desto mehr entstanden echte Freundschaften.
Nicht oberflächliche Bekanntschaften.
Sondern Verbindungen.
Vielleicht haben wir genau das gesucht
Ich weiß, dass kein Ort perfekt ist.
Die Türkei ist es genauso wenig wie jedes andere Land.
Perfektion gibt es nicht.
Aber dort, in diesem Hafen, zwischen all den Menschen, die uns in diesen Monaten begleitet haben, hatte ich zum ersten Mal seit langer Zeit ein Gefühl, das ich lange vermisst hatte.
Ankommen.
Nicht geografisch.
Nicht auf der Landkarte.
Sondern innerlich.
Vielleicht suchen wir unser Leben lang nach einem Ort, an dem wir endlich ankommen.
Nach dieser Reise glaube ich, dass es weniger um einen Ort geht.
Es geht um ein Gefühl.
Um Menschen.
Um Ruhe.
Um das Gefühl, nicht ständig funktionieren zu müssen.
Und vielleicht war genau das die größte Erkenntnis unserer gesamten Reise.
Nicht die 4.000 Seemeilen.
Nicht die Länder.
Nicht die Buchten.
Sondern die Erkenntnis, dass wir auf dem Wasser etwas gefunden haben, wonach wir eigentlich schon viel länger gesucht hatten.
Nachdem wir schließlich unseren Winterhafen in Gazipaşa erreicht hatten, begann für uns ein völlig neuer Abschnitt.
Welche Erkenntnisse wir aus den ersten 4.000 Seemeilen mitgenommen haben, findest du in unserem ausführlichen Reise-Fazit.



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