Alle Anfänge sind schwer

Wie wir mehrmals von vorne angefangen haben

Als kleines Mädchen habe ich angefangen zu tanzen.
Es hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
In der Slowakei gab es damals nur wenige Möglichkeiten für mich. Viele Menschen in meinem Alter versuchten, ihr Glück im Ausland zu finden.
Ich wollte das auch.
Also habe ich gespart, wo ich konnte, und geplant, nach Australien auszuwandern.
Auf dem Weg dorthin, über kleine Aushilfsjobs in Deutschland, traf ich meinen Mann.
Und plötzlich bekam mein Leben eine ganz andere Richtung.
Ich bekam die Chance, im Tanz noch einmal richtig durchzustarten.
Ein Leben, von dem ich geträumt hatte
Ich studierte Tanz und Tanzpädagogik.
Ich unterrichtete an mehreren Schulen, choreographierte und stand auf Theaterbühnen.
Wir zogen mehrmals um.
Schlossen Freundschaften.
Lernten neue Menschen kennen.
Sahen viel und erlebten viel.
Ich war glücklich.
Es war ein Leben, das ich mir einmal gewünscht hatte.
Aber je älter ich wurde, desto mehr machte sich mein Körper bemerkbar.
Tanzen war immer ein großer Teil meines Lebens gewesen. Und gleichzeitig merkte ich irgendwann, dass ich nicht für immer so weitermachen konnte.
In unserer freien Zeit reisten mein Mann und ich mit dem Camper durch Europa.
Irgendwann kamen wir bis in die Türkei.
Dabei entdeckte ich eine zweite Leidenschaft.
Das Unterwegssein.
Neue Orte. Neue Menschen. Natur. Freiheit.
Ich mochte dieses Gefühl, morgens nicht genau zu wissen, wo wir in ein paar Tagen sein würden.
Jede Reise fühlte sich ein bisschen wie eine neue Tür an, die sich öffnet.
Und vielleicht habe ich damals schon gemerkt, dass ich mich nicht für den Rest meines Lebens an einen einzigen Ort binden wollte.
Ich wusste nur noch nicht, was das bedeutet.
Der erste große Neuanfang
Irgendwann wollte ich mich vom Tanz verabschieden.
Mein Mann ist gelernter Elektriker. Gemeinsam entschieden wir uns, eine kleine Camperwerkstatt zu gründen.
Wir wollten unsere Erfahrungen weitergeben und gleichzeitig in der Welt arbeiten, die wir selbst so lieben gelernt hatten.
Ich weiß deshalb ziemlich gut, wie es sich anfühlt, wieder bei null anzufangen.
Und jedes Mal aufs Neue kann ich bestätigen:
Alle Anfänge sind schwer.
Am Anfang weiß man nicht, ob eine Idee funktionieren wird.
Man weiß nicht, ob man die richtige Entscheidung getroffen hat.
Man hat keine Garantie.
Aber manchmal muss man trotzdem anfangen.
Dann kam Corona.
Wir dachten, das war's.
Wir schaffen das nicht.
Es kam anders.
Unsere kleine Werkstatt boomte. Die Menschen waren zufrieden und erzählten anderen von uns.
Aus dem kleinen Neuanfang wurde plötzlich viel Arbeit.
Zu viel Arbeit.
Wir suchten dringend nach Menschen, die mitarbeiten konnten. Aber kaum jemand passte wirklich zu uns und zu dem, was wir aufgebaut hatten.
Die Zeit verging.
Wir hatten endlich etwas geschaffen, das funktionierte. Und trotzdem saßen wir abends da und fragten uns, wie wir hier eigentlich gelandet waren.
Und irgendwann merkten wir, dass wir uns kaum noch über etwas anderes unterhielten als über Arbeit.
Wir stritten immer öfter.
Wir waren kaum draußen.
Nur Arbeit.
Schlafen.
Wieder arbeiten.
Das hatte Folgen.
Mein Mann war irgendwann komplett ausgebrannt.
Der Arzt sagte ihm, wenn er jetzt nicht einige Gänge runterschaltet, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit.
Dieser Satz hat vieles verändert.
Aufgeben, um weiterzumachen
Es fiel uns schwer.
Wir hatten uns endlich etwas aufgebaut.
Etwas, das funktionierte.
Etwas, in das wir viel Zeit, Kraft und Herz gesteckt hatten.
Und trotzdem mussten wir uns eingestehen, dass es so nicht weitergehen konnte.
Also schlossen wir die Werkstatt.
Wir verkauften und verschenkten, was ging. Für den Rest mieteten wir eine kleine Garage.
Und wir zogen in unseren Camper.
Ich erinnere mich noch genau an die erste Nacht.
Wir fuhren auf einen Bauernhof und wollten dort übernachten.
Im Radio lief Desert Rose von Sting.
Und plötzlich fühlte ich mich nach langer Zeit wieder leicht.
Irgendwie befreit.
Wir hatten nicht plötzlich ein neues Leben.
Aber wir hatten wieder Platz dafür.
Wir wollten auch gar nicht mehr das Abenteuer unserer früheren Reisen suchen.
Wir wollten etwas anderes.
Etwas, das uns wieder begeistert.
Einen neuen Anfang.
Wenn nichts einen überzeugt

Eigentlich wollten wir einen Ort finden, an dem wir einen Campingplatz eröffnen konnten.
Nach allem, was passiert war, schien uns das zunächst wie die richtige Idee.
Ein Ort.
Ein Zuhause.
Eine Aufgabe.
Also schauten wir uns verschiedene Möglichkeiten an.
Aber bei jedem Ort kam irgendwann dieselbe Frage auf:
Und was machen wir hier nach ein paar Monaten?
Wir fanden keinen Ort, der uns wirklich überzeugte.
Je länger wir suchten, desto deutlicher wurde etwas, das wir zunächst nicht wahrhaben wollten:
Vielleicht würde uns ein fester Ort allein gar nicht glücklich machen.
Das war keine besonders angenehme Erkenntnis.
Wir waren enttäuscht.
Von uns selbst.
Von der Welt.
Und irgendwann auch einfach ratlos.
Was sollen wir machen?
Wie soll es weitergehen?
Wir hatten nichts geerbt.
Alles, was wir hatten, hatten wir uns selbst erarbeitet.
Wir konnten nicht einfach aufhören zu arbeiten und für den Rest unseres Lebens reisen.
Aber wir merkten auch, dass reines Reisen nicht die Antwort war.
Und reines Nichtstun schon gar nicht.
Wir wollten nicht einfach weg.
Wir wollten anders leben.
Nur wussten wir noch nicht, wie dieses Leben aussehen sollte.
Wir waren an einem mentalen Tiefpunkt.
Fast wären wir zurückgekehrt.
Ein Nachbar, eine Idee
Dann brachte uns ein Campernachbar auf die Idee mit einem Katamaran.
Zuerst fühlte sich das völlig verrückt an.
Wir hatten keinerlei Segelerfahrung.
Unsere gesamte Erfahrung auf dem Meer beschränkte sich auf ein paar Fährüberfahrten zwischen Italien und Griechenland.
Einen Katamaran zu kaufen und damit loszufahren, war eigentlich überhaupt nicht unser Plan.
Aber wir begannen darüber nachzudenken.
Und irgendwann zählten wir zusammen, was wir eigentlich hatten.
Wir lieben das Meer.
Wir lieben Natur.
Wir treffen gerne Menschen.
Wir sprechen mehrere Sprachen.
Wir waren es gewohnt, unterwegs zu sein.
Und vor allem waren wir offen.
Nicht offen für ein neues Abenteuer.
Sondern offen dafür, unserem Leben eine neue Richtung zu geben.
Vielleicht war genau das der Unterschied.
Wir suchten nicht nach dem nächsten großen Erlebnis.
Wir suchten nach einer Lebensweise, die besser zu uns passte.
Nach mehr Freiheit.
Nach weniger Funktionieren.
Nach einem Leben, in dem wir wieder selbst entscheiden konnten, wie unsere Tage aussehen.
Wir wussten nicht, ob es funktionieren würde.
Wir wussten nicht, ob wir wirklich auf einem Katamaran leben konnten.
Wir wussten nicht einmal, ob wir segeln lernen würden.
Aber irgendwann mussten wir aufhören, auf die Sicherheit zu warten, dass alles gut gehen würde.
Wir sammelten unseren Mut zusammen.
Und wagten den Schritt.
Heute weiß ich:
Ein Neuanfang bedeutet nicht, dass man plötzlich weiß, wohin man will.
Manchmal bedeutet er nur, dass man erkennt, dass man so wie bisher nicht weitermachen möchte.
Der Katamaran war für uns deshalb nie einfach nur ein Boot.
Er wurde der Versuch, herauszufinden, wie wir eigentlich leben möchten.
Und diese Reise hat uns sehr viel mehr verändert, als wir damals ahnen konnten.
Wir hatten keine Ahnung, ob das funktionieren würde.
Wir wussten nur, dass wir etwas verändern mussten.
Und damit begann der wohl verrückteste Neuanfang unseres Lebens.
Wenn du weiterlesen möchtest
Unser Neuanfang hat uns schließlich auf Maido geführt. Seitdem lernen wir jeden Tag neu, was es bedeutet, mit wenig zu leben, auf dem Meer zuhause zu sein und unsere Tage anders zu gestalten.
Wie unser Leben heute wirklich aussieht: Unser Zuhause hat nur 45 Quadratmeter – und trotzdem fehlt uns nichts
Warum wir mit so wenig auskommen: Warum uns das Leben auf einem Katamaran zu Minimalisten gemacht hat
Was dieses Leben mit uns macht: Was das Leben auf dem Katamaran mit uns macht



Kommentare