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Die ersten Meilen – und wie wir lernten, dass das Meer keinen Zeitplan kennt

  • Autorenbild: Barbora
    Barbora
  • 16. Nov.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 11 Stunden


Zu spät, Seekrank & Seemeilen – Unser zweiter Schritt ins echte Seglerleben


Katamaran Maido vor Anker, bevor wir in den Atlantik gestochen sind

Makkum: Erschöpft, stolz – und schon wieder früh auf den Beinen


Wir waren am Vorabend völlig k. o. in Makkum eingelaufen.

Erschöpft, stolz, überfordert – und mit dem Gedanken:„Okay… das war Tag 1?“


Trotzdem standen wir am nächsten Morgen wieder früh auf.

Die Schleuse hat feste Zeiten, und wer zu spät kommt, bleibt draußen.

Natürlich kamen wir zu spät.


Genau fünf Minuten.

Der Schleusenwärter funkte:„Maido, bitte warten und anlegen.“

Na super.


Also legten wir an. Ich machte Kaffee, schmierte Brötchen und versuchte meinen Körper davon zu überzeugen, dass jetzt ein neuer Tag begonnen hatte – und nicht einfach nur ein überlanger Rest vom alten.


Marc grinste:„Vielleicht schleusen sie uns mit einem Frachter durch.“

Ich winkte ab.


So viel Glück haben wir doch nie.


Zwei Minuten später:

„Maido, bitte einfahren.“


Und plötzlich ging’s los.




Die Schleuse, die im Camper winzig wirkte – und jetzt riesig war


Wochenlang hatten wir uns mental auf diese Schleuse vorbereitet.

Wir waren sogar extra mit dem Camper hingefahren, um sie uns „in Ruhe“ anzuschauen.


Vom Parkplatz sah alles logisch aus.

Klein.

Übersichtlich.

Machbar.


Jetzt – aus Maidos Cockpit – wirkte alles:

größer.

lauter.

echter.


Aber wir schafften es. Und als sich das Tor öffnete, lag er vor uns:


Unser erster richtiger Schritt aufs offene Wasser.




Segel hoch – und dann kommt er: Der unsichtbare Gegner namens Gezeiten


Der Wind war gut. Die Segel gingen hoch.Wir grinsten – kurz fühlten wir uns wie richtige Segler.

Doch dann wurden wir langsamer.

Immer langsamer.


Alles stimmte: Wind, Segel, Kurs.


Nur das Meer sagte:„Nö.“


Gezeiten.


Ein Wort, das man kennt – aber erst wirklich versteht, wenn man dagegen anfahren muss.


Eigentlich wollten wir viel weiterkommen.

Aber das Meer erklärte uns freundlich, aber bestimmt:

„Nicht heute, Leute.“


Im Regen bogen wir nach Texel ab.


Ich war stolz: nicht seekrank.Ich dachte:

„Yes! Das Thema ist durch.“


Ha. Ha.




Nachtfahrt: Dunkelheit, Fischer – und unser Funk-Fail


Wir gingen früh schlafen, denn Marc wollte unbedingt, dass wir einmal bei Nacht fahren, bevor er uns später allein ziehen lässt.

Unsere Route von Texel nach Scheveningen die wir in der Nacht gestartet haben

Um vier Uhr morgens standen wir wieder auf.

Dunkel.

Kalt.

Still.


Ich leuchtete meinem Mann den Weg mit einer Taschenlampe, die kaum den Weg in einen Schuhkarton beleuchtet hätte – aber irgendwie schafften wir es aus dem Hafen, ohne etwas zu rammen.


Draußen war richtig Betrieb: überall Fischer.


Marc sagte:„Wenn du grün-weiß siehst, einfach weg von dem.“


Ich konzentrierte mich auf die Tonnen – blinken, blitzen, dauerleuchten – und übersah fast den Fischer, der uns vermutlich längst über Funk erreichen wollte.


Blöd nur:

Wir hatten immer noch den Hafenkanal eingestellt.

Wir konnten ihn gar nicht hören.


Als wir bereits unangenehm nah waren, richtete er seinen Strahler auf uns.

Kurz.

Deutlich.


Wir wichen aus – und ich war plötzlich sehr wach.




Den Helder, die Dämmerung – und unser erstes echtes „Meer-Gefühl“


Mit der Dämmerung passierten wir Den Helder.


Und dann lag er vor uns:

Der Atlantik mit hohen Wellen während unserer Fahrt und Blick auf Scheveningen Skyline

Der Atlantik.


Ja, offiziell ist es „nur“ die Nordsee –aber in diesem Moment fühlt es sich an wie das große Meer, das sagt:

„Willkommen. Mal sehen, was ihr könnt.“


Der Wind war perfekt.

Die Wellen nicht.

2,5 Meter – und wachsend.


Und dann kam er wieder:

der volle, unbarmherzige Seekrankheits-Schlag.


Ich lag flach, schloss die Augen, war nach einer Stunde wieder halb menschlich – gerade lang genug, um uns etwas zu essen zu machen.


Wir kämpften gegen Strömungen, passierten Amsterdam und glitten nach fast 14 Stunden in Scheveningen ein.


Ich winkte einem Lagoon-39-Besitzer gegenüber.

Marc fragte:

„Kennst du den?“

„Nö.“

„Warum winkst du dann?“

„Camper-Reflex.“




72 Seemeilen im Dauerwackeln – und ich als liegender Ball Thermokleidung


Am nächsten Morgen brachen wir wieder um vier Uhr auf.Marcs letzter Tag mit uns.72 Seemeilen bis Belgien.

ich war seekrank und lag flach fast die ganze Fahrt nach Zeebrügge

Der Wind war gut.

Die Wellen… nicht.

Ich lag fast den ganzen Tag flach.

Marc und mein Mann arbeiteten wie ein eingespieltes Team.


Vor Rotterdam mussten wir nicht mal warten – Wunder geschehen.

Doch kurz vor Zeebrugge blies der Wind auf Beaufort 6.

Wir kämpften, um die Segel einzuholen.

Ich erinnere mich nur in Bruchstücken – ich war wieder mehr horizontal als vertikal.


Nach über 14 Stunden legten wir endlich an.

Ich fiel ins Bett und wachte erst am nächsten Morgen auf.




Der Abschied, der uns fast das Herz aus der Brust zog


Am nächsten Tag packte Marc seine Tasche.

Tommy kam, um ihn abzuholen.

Wir frühstückten zusammen, aber diesmal redete kaum jemand.

Dann gingen die Jungs.

Und wir blieben.


Und plötzlich war sie da:

Die Stille.

Die Stille, in der man merkt, wie laut die eigenen Gedanken sind.


Wir hatten Angst.

Richtige Angst.


Was, wenn ich wieder seekrank werde?

Was, wenn mein Mann das allein nicht schafft?

Was, wenn wir falsch funken?

Was, wenn wir… einfach nicht bereit sind?


Wir dachten kurz:


„Vielleicht verkaufen wir Maido wieder.“


Aber das fühlte sich genauso falsch an.




Zwischen Angst und Mut – und ein Hafen, der uns beibringt auszuhalten


Also atmete ich tief durch.


Ich setzte mich hin, studierte Wetterberichte, checkte Strömungen, plante die Route nach Dunkerque so, dass mein Mann notfalls allein steuern könnte.

Ich kochte vor, wir sortierten Proviant, räumten alles auf – alles, um wieder ein kleines bisschen Kontrolle zurückzubekommen.


Doch je ruhiger das Boot wurde, desto lauter wurden unsere Gedanken.

Angst wurde zu Zweifel.

Zweifel zu Erschöpfung.

Erschöpfung zu diesem stillen Nebel im Kopf.


Schließlich saßen wir einfach nur da.

Still.

Leer.

Überfordert.


Wir legten uns ins Bett, jeder mit tausend Gedanken im Kopf:


Schaffen wir das?Können wir das?Was, wenn wieder alles schiefgeht?


Und irgendwann –zwischen Sorgen, Müdigkeit und kühler Hafenluft –

schliefen wir einfach ein.



(Fortsetzung folgt …)






Und wie wir den Frachtern ausgewichen sind, erfährst du auf TikTok hier


Wie unsere erste Fahrt nach Dunkirk aussaht hier auf Instagram in Bildern


Wer wir sind, erfährst du hier



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